Unterstützung in der Trauer

Umarmende Erinnerungen & liebgewonnene Rituale

Die renommierte Autorin, Trauerbegleiterin und Dozentin Chris Paul sagt „Trauer ist die Lösung, nicht das Problem“.


Es gibt viele Angebote für Trauernde offline, wie online. Es hilft uns in unserer Selbstwirksamkeit, wenn wir uns Unterstützung suchen, um mit der Trauer umzugehen.
Denn wir dürfen trauern und wir dürfen uns liebevoll erinnern. Wir dürfen Rituale und Wege finden und entwickeln, die uns dabei helfen. Ebenso Menschen, die dafür ausgebildet sind Trauernde zu unterstützen.

Welche Angebote gibt es denn?

In vielen Städten gibt es Trauergruppen in den Hospizvereinen oder Familienzentren, für Familien, Kinder, Verwitwete, Eltern und alle anderen. Eine kleine Übersicht findet ihr hier. Gerade für Suizid-Hinterbliebene ist das Thema Trauer nochmal anders komplex und eine gute Unterstützung ist sehr hilfreich.

Es gibt verschiedene Onlineangebote. Zum Beispiel die Trost-Helden, die Trauerfreundschaften vermitteln, indem sie Menschen mit ähnlichen Geschichten und Hintergründen zusammenbringen. Oder auch digitale Trauergruppen, wie die queere online Trauer-Selbsthilfegruppe vom Spinnboden e.V.

Die von Psycholog*innen entwickelte App Grievy unterstützt Trauerende mit Methoden, die auf der kognitiven Verhaltenstherapie basieren, gesunde Strategien zum Umgang mit ihrer Trauer zu lernen. Das ist kein Ersatz für Trauerbegleitung oder unterstützende Therapie, aber ein portabler Notanker in der Hosentasche.

Es gibt die sogenannten Death Cafés, in deren geschütztem und doch offenen Rahmen die Teilnehmenden sich miteinander austauschen können. Darüber hinaus gibt es ausgebildete Trauerbegleitende, die im direkten Austausch – on-, wie offline – helfen, mit der Situation umzugehen.
Generell dürfen wir immer unsere eigenen Wege finden, die so individuell sind, wie wir selbst. Das kann ganz unterschiedlich aussehen, wichtig ist nur, dass es uns stützt und positiv trägt.

Selbstwirksamkeit stärkt und unterstützt

Mit dem Tod können wir nicht handeln, wir haben kein Mitspracherecht. Daher ist alles, was uns in unserer Selbstwirksamkeit stärkt, hilfreich und aufbauend.
Neben ganz klassischen kleinen Schreinen mit Fotos oder Briefen der Liebsten, neben denen eine Kerze brennt, können wir zum Beispiel Kisten mit unseren liebsten Erinnerungen füllen. Manchmal ist es hilfreich, wenn wir uns ganz bewusst Zeit zum Trauen und Erinnern nehmen, statt alles immer physisch vor Augen zu haben.

Erinnerungen erschaffen

Wir können Lieblingskleidung zu Kissen, Decken oder Kuscheltieren nähen oder Erinnerungsschmuck mit den Fingerabdrücken unsere Liebsten anfertigen. Für all dies gibt es mittlerweile Künstler*innen und Handwerker*innen, die liebevoll und individuell solche Stücke für uns anfertigen.

Wir dürfen online Gedenkseiten einrichten, wo sich Menschen mit lieben Worten und virtuellen Kerzen verewigen können um ihre Anteilnahme auszudrücken. Auch Trauerfeiern können wir per Livestream mit Zugehörigen auf anderen Kontinenten teilen. Viele Menschen haben einen guten Teil ihres sozialen Lebens online oder Freund*innen auf der ganzen Welt verteilt, die so eine Möglichkeit bekommen teilzuhaben. Wir dürfen auch QR-Codes auf Grabsteinen anbringen lassen, um darüber einen letzten Videogruß abrufbar zu machen.
Wir dürfen Sport oder Musik machen, Bilder malen, Dinge gestalten, Schreiben um mit den starken Gefühlen umzugehen und einen Ausdruck zu finden. Die Lieblingsessen unserer Liebsten kochen, wenn wir das Gefühl der Verbindung brauchen. Wir dürfen auch lachen und wütend sein, wild tanzen, schreien und ausprobieren, was uns guttut.

Ist das nicht pietätlos?

Vor allem dürfen wir liebevoll mit uns umgehen und müssen nicht funktionieren, wie wir es gesellschaftlich gelernt haben.

Trauer betrifft alle Bereiche unseres Lebens und manches, was immer passte, passt nun vielleicht nicht mehr. Und das ist ok. Die Zeiten von vorgeschriebenen Zeiten für bestimmte Trauerkleidung sind erfreulicherweise vorbei und es ist nicht an uns in diesem Moment Erwartungen zu erfüllen. Vielmehr ist es jetzt wichtig, dass wir uns den Raum nehmen zu trauern und selbstwirksam zu entscheiden, was wir jetzt brauchen.


Viele von uns haben die Sorge, dass unsere Wege der Trauer, unsere Wünsche und Ideen für den Abschied, wie zum Beispiel eine letzte Party, bunte Kleidung bei der Trauerfeier, ein Motorradkorso, Heavy Metall am Grab oder Kaffee statt Sand als letzten Gruß ins Grab zu geben als pietätlos wahrgenommen und verurteilt werden. Aber Trauer ist immer im Wandel und was uns hilft, was im Sinne der verstorbenen Person ist, ist niemals pietätlos.

Die Sorge gab es schon immer, auch bei den Dingen, die heute oft als richtig und angemessen gelten. Die Gesellschaft, wir, unsere Wünsche und Ideen wandeln sich ebenso, wie sich die Werte, Einstellungen und Normen immer schon gewandelt haben.

Ich konnte mich nicht verabschieden

Eine Situation, die ich immer wieder erlebe, ist, dass nicht alle Zugehörigen am Abschied teilnehmen können oder dürfen und ein Abschiedsfest, eine Lebensfeier brauchen und wünschen.

Die Gründe sind vielfältig. Vielleicht waren die Verstorbenen mit ihren Ursprungsfamilien zerstritten und hatten die Totensorge nicht geregelt, so dass nach ihrem Tod doch die Verwandten und nicht die Wahlfamilie für die Bestattung zuständig war und sie nicht eingeladen hat oder gar nicht dabeihaben wollte. Vielleicht wollten die Zugehörigen nur eine ganz kleine Trauerfeier, weil sie mehr gerade nicht aushalten oder bezahlen konnten. Vielleicht wohnen schlicht einige zu weit weg um teilnehmen zu können oder sind in ihrer Mobilität eingeschränkt.

Auch erlebe ich immer wieder in Gesprächen, dass die Erinnerung an frühere Beisetzungen wieder präsent werden und der klare Wunsch, dass es auf keinen Fall wieder so wie damals werden soll, weil die Bestattung, die Trauerfeier, die Lebensrede überhaupt nicht so war, wie es die Zugehörigen gebraucht und gewünscht hatten.
Auch hier dürfen wir unserer Trauer und unserem Bedürfnis Raum geben!

Trauer- & Gedenkfeiern wiederholen

Wir können eine eigene Trauerfeier ausrichten, auch wenn keine Bestattung dabei stattfindet. Die Feier, die Musik, Reden, Rituale – all das ist möglich, denn alle zugehörigen Menschen haben ein Recht auf einen guten, individuellen, unterstützenden Abschied und er ist wichtig, denn er hilft uns ein Stückchen abzuschließen, weiter zu machen und der Trauer Raum zu geben.


Wenn es uns ein Bedürfnis ist, eine Lebensfeier, eine Gedenkfeier mit anderen Menschen zu veranstalten, die uns hilft und unterstützt, gibt es nichts und niemand, der uns das verbietet und wir sollten das auch selbst nicht tun. Und dieses Mal dann wirklich so, wie es gewünscht wurde oder wir es uns wünschen!

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